Leben & Lieben

„It’s a match!“

„It’s a match!“

Was mich nach Rechts wischen lassen hat? Bart, Hund, Hemd – aneinander gereihte Klischee. Sie haben bei mir alle funktioniert. Ein Profil das nichts verrät, aber genug, Sinn und Zweck erfüllt.

Lustlos tippe ich belanglose Sätze in den Textfeld, eine Reaktion lässt nicht lange auf sich warten. Bis die Standardfragen gestellt und beantwortet wurden, das Interesse wieder verflogen ist. Kein Gedanke mehr an diesen einen Match, für den Rest des Tages. Einer von vielen. Dieses Spiel reizt nicht, es langweilt.

24 Stunden später: Der Erste, oder besser gesagt der Letzte, in der Liste.

„Was machst Du heut Abend?“ – Frage, Antwort, Reaktion.
Sein Name erscheint auf meinem Display, die App hat sich geändert.

„09:30:02: Wow – Da bist du …“

Immer wieder erleuchtet er den Display. Eine Nachricht folgt der anderen. Mal liegen zwischen Sekunden dazwischen, mal Minuten – aber nie ein größerer Zeitraum. Die Stunden vergehen und jede Nachricht schwächt meinen Akku und die meines Smartphones.

„Bitte brezel Dich nicht zu doll auf…
Da kann ich nicht mithalten- ich habe kaum Auswahl mit.“

Diese Worte hallen nach – ich stehe vor meinem Kleiderschrank und überlege. Zwischen Umzugskartons und blauen Säcken, ist es mir eigentlich egal was er von mir denkt. Es wird schon reichen, es wird schon reizen.

Ein Blick in den Spiegel und ich schmecke die ersten Tränen in meiner Kehle. Nun bloß nicht das Make Up ruinieren! Da läuft die Erste über meine Wange und nimmt das Make Up mit.

Neustart.

Zwei Wochen, und sieben Jahre, liegen hinter mir – oder vielmehr uns. Eine gemeinsame Vergangenheit, keine gemeinsame Zukunft. Ein Weg, zwei Wege.

An diesem Abend nur ein Ziel: Nicht alleine sein. „Ich mache sowas normalerweise nicht…“ – tippe ich in das Textfeld und erfülle somit das nächste, aber nicht das letzte Klischee. Aus mir spricht der Alkohol und das Bedürfnis nach Nähe, Zweisamkeit.

Zwei Stunden später sitzen wir in der Bar. Cola auf der einen, Cocktail auf der anderen Seite. Dazwischen ein paar Pommes. Wir besprechen all die Dinge, die der digitale Smalltalk offenen gelassen hat. Wir sind eine Szene, in der die Hauptdarsteller so austauschbar sind wie die Dialoge, für Außenstehende.

Wir verlassen die Bar, zusammen. Schlendern durch die Straßen. „Ich muss zur Bushalte stelle…“, erwähne ich beiläufig. „Ich kann dich rumfahren“, antwortest Du wie vorprogrammiert.

„Willst Du noch mit rauf auf ’nen Kaffee…?“, höre ich mich sagen und wir haben damit eine Geschichte, wie sie Millionen anderen Menschen schonmal passiert ist. Wie sie täglich passiert(e), schon bevor die digital nach Dates suchten.

Er folgt mir durch die Wohnung, die nicht meine ist, unsere war. Die von einer Trennung erzählt, einen Neubeginn erahnen lässt. Ich entschuldige mich für die Spuren, welche diese Wohnung wiedergibt. Gepackte Kartons und schmutziges Geschirr, hier und da- meins, seins, unsers.

Wir lassen uns auf dem Sofa nieder, zwischen uns mehr als nur ein paar Zentimeter. Die Müdigkeit der letzten Zeit steckt mir in den Knochen, verrät sich im Blick.

Es ist spät, zu spät- Ende. Ich verabschiede ihn an der Haustür.

Zeit für Einsamkeit.

// Bild via Pexel

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